Tiefstatus gewinnt

31. Mai 2017 in Allgemein

Eben noch brüllt er seinen Beifahrer an, da dieser auf die Sitzpolster des neuen Sportwagens krümelt, da nimmt er kleinlaut mit hochgezogenen Schultern und schiefgestelltem Kopf das Knöllchen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung vom streng dreinblickenden Polizisten an. Ein Wechsel in Sekundenschnelle vom Hochstatus in den Tiefstatus.

Statusverhalten ist kein statisches System, im Gegenteil: Es bezeichnet immer eine konkrete Beziehungsqualität in einer konkreten Situation. Gegenseitiges Statusverhalten ist ein Spiel, manchmal ein Duell. Eine Person kann den eigenen Status aufdrängen, der Vorgesetzte seinen Hochstatus, der Kollege seinen Gleichstatus, der Bettelnde seinen Tiefstatus – die andere Person kann wählen, ob sie das Angebot annimmt und das entsprechend dazu passende Statusverhalten zeigt. Meist passiert das unbewusst.

Was ist eigentlich Status?

Statusverhalten kommt ursprünglich aus dem Improvisationstheater bzw. Theatersport und wurde von Keith Johnson populär gemacht. Um möglichst großen Unterhaltungswert zu erreichen, agieren die Schauspieler in einem klaren Statusverhalten. Ein König wäre somit von seinem Verhalten her im Hochstatus und ein Bettelmann im Tiefstatus.

Im Hochstatus ist derjenige, der durch sein Verhalten seine Überlegenheit und/ oder die Unterlegenheit seines Gegenübers demonstriert. Der Hochstatus macht ruhige Bewegungen, nimmt viel Raum ein, macht große, ausladende Gesten, ist laut und wirkt selbstbewusst. Meist hält er den Blick, wenn er spricht und wendet ihn ab, wenn er zuhört. Er macht sich in Sitzungen mit Geräuschen bemerkbar und unterbricht andere.

Im Tiefstatus ist derjenige, der durch sein Verhalten seine Unterlegenheit und/ oder die Überlegenheit seines Gegenübers demonstriert. Der Tiefstatus macht schnelle, kleine Bewegungen, der Blick ist unruhig, er blinzelt häufig. Er redet schnell, leise und er nimmt wenig Raum ein. Er lässt sich unterbrechen und kann einen Blickkontakt nicht gut aushalten. Er stimmt meistens zu. Jemanden, der im Tiefstatus ist, möchte man am liebsten in den Arm nehmen und ihm sagen: „Alles wird gut.“.

Im Gleichstatus ist derjenige, der durch sein Verhalten seine Ebenbürtigkeit bezüglich des Gegenübers demonstriert.

Statusspiel

  • Ich kann mein Gegenüber durch mein Verhalten einseitig in Hoch- Gleich- oder Tiefstatus versetzen, ohne dass er diesen aktiv ergänzen muss, ich dränge ihm quasi einen Status auf.
  • Ich kann wählen, ob ich ein Statusangebot meines Gegenübers akzeptiere oder nicht.
  • Das Wechselspiel von Statusangeboten, sowie deren Annahme oder Ablehnung bezeichnet man als Statuswippe.

Oftmals spiegelt Statusverhalten Glaubenssätze bezüglich der Identität der eigenen Person und des Gegenübers. Jemand mit geringem Selbstwertgefühl greift aus Gründen des Selbstschutzes entweder zum

  • Tiefstatus: Hierbei fungiert das Statusbewusstsein als selbsterfüllende Prophezeiung: „Ich weiß, dass die anderen alles besser können, also versuche ich es erst gar nicht.“
  • Gleichstatus: “Betrachte mich bitte als dir gleichwertig.”
  • Hochstatus: “Ich bin besser als du, egal was du tust oder sagst.”

So variabel das Verhalten auch ist, so hat doch jeder Mensch einen Lieblingsstatus. In einer Partnerschaft beispielsweise geht meistens eine Person gerne voran, ist entscheidungsfreudig, zupackend. Die andere ist zurückhaltender, prüft länger, wartet ab. Gemeinsam sind sie ein gutes Team, dessen Zusammenarbeit aber ins Wanken gerät, wenn einer der beiden plötzlich einen anderen Status einnimmt.

Wie kann ich mein eigenes Statusverhalten und das der anderen positiv beeinflussen?

Durch genaue Selbstwahrnehmung:
  • In Bezug auf welche Person bzw. auf welchen Aspekt der Person empfinde ich eine Statussituation?
  • In welchem Status bewege ich mich dabei gerade?
  • Fühle ich mich in diesem Status wohl, kongruent, unfrei etc.?
  • Welche Ausdrucksebenen verwende ich?
Durch genaue Wahrnehmung des Gegenübers:
  • Welchen Status weist mir mein Gegenüber zu?
  • Wirkt das Statusverhalten des Gegenübers kongruent?
  • Was sagt mir das Statusverhalten über mein Gegenüber?
  • Genaue Wahrnehmung der verschiedenen Ausdrucksebenen
  • Genaue Wahrnehmung der Absicht der Kommunikation

und damit: sinnvoller Statuseinsatz bezüglich des Kommunikationszieles und des Gegenübers.

Welcher Status ist besser?

Wen sehen Sie lieber bei einer Präsentation? Einen Menschen, der sich in Positur wirft, dessen ganzes Auftreten andere vor Energie fast vom Stuhl fegt, der aber gespielt und aufgeblasen wirkt? Oder einen verlegen lächelnden Referenten, dem deutlich anzusehen ist, dass er sich in diesem Moment nicht wohl fühlt, der aber in seiner Art authentisch wirkt? Tiefstatus kann mitunter sehr sympathisch wirken. Sympathischer als Hochstatus.

Eine Faustregel: Derjenige mit der größten Statusflexibilität beherrscht die Situation.

Und welcher Status im Kundenkontakt?

Sie haben einen Kunden, der Ihr Unternehmen richtig nach vorne bringen würde, wenn Sie ihn gewinnen. Ihm ist klar: Er ist Kunde. Ihnen ist klar: Sie wollen etwas von ihm. Ein Kunde will umschmeichelt werden, er will aber auch spüren, dass er einen kompetenten Verhandlungspartner vor sich hat. Neben allem Verhandlungsgeschick kommt es nun darauf an, ihm das zu geben, was angemessen ist: nicht zu viel lachen, das macht klein, besser: dosiert lächeln. Machen Sie ruhige Bewegungen. Geben Sie dem anderen das Gefühl, dass er wichtig ist, indem Sie in einen leichten Tiefstatus gehen. Nur so viel, dass er sich sicher sein kann, dass er einen Freund vor sich hat. Denn mit einem Freund verhandelt man gerne. Tiefstatus ist ein wirkungsvolles Verhalten, im richtigen Moment zur richtigen Zeit.

Tiefstatus gewinnt!

Autorin: Sabine Lipski

Quellen:

http://www.coachingausbildung-akademie.de/status-koerpersprache/
http://www.faircoach.de/coaches/94/top_speakers
Deborah Ruggieri: listen to me Teil 2